Senckenberg Naturmuseum Frankfurt historisch

Die Geschichte des Frankfurter Senckenberg Naturmuseums


Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung blickt auf eine 200-jährige Geschichte zurück. Von der Gründung der Bürgergesellschaft 1817 bis heute musste sie sich stets neuen Herausforderungen stellen und ist mit ihren Aufgaben gewachsen. Dabei ist sie ihrem alten Motto treu geblieben: zu forschen und die Ergebnisse der Forschung in die Öffentlichkeit zu tragen. Senckenberg hat mit seiner Wissenschaft, seinen Sammlungen und Museen eine herausragende Stellung in der deutschen Biodiversitätsforschung.

1763 stiftet der Frankfurter Arzt und Naturforscher Dr. Johann Christian Senckenberg sein ganzes Vermögen in Höhe von 95.000 Gulden, um in einem Bürgerhospital auch Arme unentgeltlich versorgen zu lassen und um wissenschaftliche Projekte zu fördern. So entstehen das Medizinische Institut am Eschenheimer Turm, der Botanische Garten, eine reichhaltige Bibliothek, die auch Laien Zugang zu den Wissenschaften gewährt, sowie die naturhistorischen Sammlungen, das chemische Labor und das Anatomische Theater. Senckenberg stirbt am 15. November 1772.

Während das Bürgerhospital wächst, leiden die wissenschaftlichen Institute nach Senckenbergs Tod unter Verwaltungsstreitigkeiten, Widerständen einzelner Stadträte und dem Revolutionskrieg.

1815 beklagt Johann Wolfgang von Goethe bei einem Besuch in seiner Geburtsstadt die unzureichende Fortführung von Senckenbergs Erbe.

1817 gründen 32 wissenschaftlich interessierte Frankfurter Bürger die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft (SNG). Sie trägt zwar den Namen Senckenbergs, bleibt aber von seiner Stiftung, der Dr. Senckenbergischen Stiftung, institutioniell unabhängig. Das Ziel der Gesellschaft soll in der Förderung der Naturwissenschaft und der Errichtung eines öffentlichen Naturkabinetts liegen.

1820er-1830er Jahre: Die SNG übernimmt Teile der Bibliothek und der Naturhistorischen Sammlung der Dr. Senckenbergischen Stiftung am Eschenheimer Turm, wo sie auch ihren ersten Sitz hat. So eröffnet 1821 das Museum Senckenbergianum am Eschenheimer Turm in Frankfurt am Main und präsentiert nie zuvor Gesehenes! Nach massiven Behinderungen vor allem durch städtische Stellen ist der Stiftung Senckenbergs so ein entscheidender Schritt zur Vertiefung der wissenschaftlichen Forschung gelungen. Im Senckenbergianum sind Exponate, die aus privaten Sammlungen stammen und von Mitgliedern gestiftet wurden. So kann man im Senckenbergianum auch rund 4000 Forschungsobjekte des Frankfurter Humboldts Eduard Rüppell entdecken, jener, welcher sein ganzes Leben in den Dienst der Wissenschaft stellte. Namhaften und ambitionierten Mitglieder wie Johann Wolfgang von Goethe, der Arzt Dr. Phillip Jakob Cretzschmar und der ärztliche Pfleger Dr. Neuburg tragen zum rasanten Aufstieg in die erste Liga der deutschen Forschungsmuseen bei.

1907 wird ein neues hochmodernes Museumsgebäudes eröffnet, nachdem das Museum am Eschenheimer Turm aus allen Nähten platzte. Zu diesem Anlass schenkt das American Museum of Natural History Senckenberg ein Originalskelett von Diplodocus longus, dem ersten Dinosaurierskelett im Senckenberg Naturmuseum! Mit dem Umzug kommt ein neues Konzept: Das Museum mit der Schausammlung und das Forschungsinstitut mit der Forschungssammlung werden voneinander getrennt. Ein gemeinsamer Direktor sorgt aber bis heute dafür, dass beide nicht auseinanderdriften: Das Museum soll kein Science-Center werden, losgelöst von der Forschung. Umgekehrt soll sich die Forschung nicht völlig von der Öffentlichkeitsarbeit verabschieden. Dr. Fritz Römer ist der erste Direktor des neuen Museums

1914 wird die Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt als Stiftungsuniversität gegründet. Die SNG gehört zum Kreis der Stifter. Sie baut den heutigen Südflügel an ihre Museumsgebäude an und stellt ihn der Universität für das Zoologische und Geologisch-Paläontologische Institut zur Verfügung. Die Leiter der entsprechenden senckenbergischen Abteilungen, Prof. Dr. Otto zur Strassen, Prof. Dr. Martin Moebius und später auch Prof. Dr. Fritz Drevermann erhalten universitäre Lehrstühle. Dies ist der Grundstein für eine bis heute währende fruchtbare Zusammenarbeit.

In den 1920er und 1930er Jahren steht die Forschung unter dem schlechten Stern von Inflation und Wirtschaftskrise. Durch unermüdliche Werbekampagnen schafft es Fritz Drevermann jedoch die Anzahl der zahlenden Mitglieder auf 14.000 zu steigern und so Senckenberg aus der Misere zu helfen. In Wilhelmshaven kann sogar mit „Senckenberg am Meer“ ein neues Institut gegründet werden.

Ab 1939-1945: Der zweite Weltkrieg bringt alle Forschung zum Erliegen: Viele Mitarbeiter müssen in den Krieg ziehen, die Pogrome gegen die Juden erreichen auch Senckenberg. So verliert auch der Senckenberg-Ehrenpräsident Arthur von Weinberg 1943 im Konzentrationslager in Theresienstadt sein Leben. Den in Frankfurt verbliebenen Mitarbeitern/-innen gelingt es, einen Großteil der wissenschaftlichen Sammlungen auszulagern und die Exponate auf 40 sichere Orte zu verteilen. Als am 22. März 1944 Bomben das Museum treffen, sind nahezu alle Exponate ausgelagert.

1954 werden in zahllosen Stunden und Tagen Trümmer beseitigt und Forschungsinstitut und Museum zunächst notdürftig funktionsfähig gemacht. Am 4. März 1954 gelangt das Senckenberg in die gemeinsame Bund-Länder-Forschungsförderung. Der Erhalt und Ausbau der Institution gilt als gesamtstaatliches Interesse der Bundesrepublik Deutschland. Senckenberg steht nun für seine wissenschaftlichen Aufgaben ein gesichertes und angemessenes Budget zur Verfügung. Eine Professionalisierung setzt ein: Promovierte wissenschaftliche Angestellte ersetzen weitgehend die ehrenamtlichen Sektionäre.

1961 eröffnet die Senckenberg-Schule am Standort Frankfurt. Als derzeit einzige Lehreinrichtung in Deutschland bildet sie Technische Assistenten/-innen für naturkundliche Museen und Forschungsinstitute aus.

In den 1970er Jahren ist Umweltforschung angesagt. Das Senckenberg Naturmuseum Frankfurt greift in der Ausstellung Umwelt 2000 das Thema der stark belasteten großen Ströme Rhein und Main öffentlichkeitswirksam auf – sehr zum Leidwesen damaliger Industrieverbände. Die landschaftsbezogene Ökologieforschung erfordert auch die Anwesenheit „vor Ort“. Dafür wird 1969 eine Außenstelle für Mittelgebirgsforschung im Spessart eingerichtet: Die Lochmühle in Bieber.

In den 80er Jahren greift ein ergebnisbezogenes, fast wirtschaftlich anmutendes Denken um sich. Wissenschaftliche Institute müssen der Gesellschaft Fragen nach Planungen, Zielen und Leistungen beantworten. Der Wissenschaftsrat führt Evaluierungen durch. Direktor Prof. Dr. Willi Ziegler modernisiert die Verwaltung und passt sie der neuen Zeit an. So hält die EDV Einzug bei Senckenberg. Es ist die Zeit der Großprojekte, die die Bildung von Teams erfordern, aber ebenso ein kaufmännisches und verwaltungsmäßiges Management. Individuelle Wünsche einzelner Wissenschaftler werden zugunsten der Gemeinschaft zurückgestellt.

1990er Jahre: 1991 kauft die Hessische Landesregierung die weltberühmte Fossilienfundstätte Messel und verhindert deren Verfüllung mit Müll. Bereits in den 70er Jahren hatte Senckenberg intensiv in Messel gegraben und mit bedeutenden Funden wie dem Urpferdchen den Wert der Fundstätte belegt. 1992 stellt die Hessische Landesregierung die Grube Senckenberg zur wissenschaftlichen Betreuung zur Verfügung. Eine ganze Abteilung „Messelforschung“ entsteht mit einer Außenstelle an der Grube. In- und ausländische Arbeitsgruppen fördern unter der Koordination Senckenbergs sensationelle Funde zutage. 1995 erklärt die UNESCO die Grube zum Weltnaturerbe.

2000er Jahre: Mehrere große Fusionen prägen die Zeit nach der Wiedervereinigung. 1998 integriert Senckenberg die Taxonomische Arbeitsgruppe der Biologischen Forschungsanstalt Helgoland und baut 2000 das „Deutsche Zentrum für marine Biodiversität“ in Wilhelmshaven und Hamburg auf. Ebenfalls 2000 schließt sich das „Institut für Quartärpaläontologie“ in Weimar Senckenberg an. 2009 fusioniert Senckenberg mit dem Museum für Naturkunde in Görlitz, den Naturhistorischen Sammlungen Dresden sowie dem Deutschen Entomologischen Institut in Müncheberg. Bereits 2008 entsteht das Biodiversität und Klima Forschungszentrum BiK-F in Frankfurt. Integrationsfigur ist bis 2005 Direktor Prof. Dr. Fritz Steininger, seit 2005 Prof. Dr. Dr. h. c. Volker Mosbrugger.

2009-2012: Durch die Expansion erhält Senckenberg eine herausgehobene Stellung in der deutschen Biodiversitätsforschung. Gleichzeitig wird unter Generaldirektor Volker Mosbrugger eine neue interne Struktur entwickelt, die auch Forschung und Wissenschaft umfasst. Vier große wissenschaftliche Fragestellungen stehen nun im Vordergrund, die standortübergreifend bearbeitet werden. Vielfältige Kooperationen im Forschungs- und Sammlungssektor entstehen zwischen den Standorten. Die Zahl der Sammlungsstücke ist von 22 auf 35 Millionen angewachsen. Mit Dresden und Görlitz kommen auch weitere Ausstellungsstandorte hinzu. 2008 entsteht mit dem Bau der Wolfgang-Steubing-Halle in Frankfurt eine Fläche für größere Sonderausstellungen. 

Fit für die Zukunft: Senckenberg steht nicht still – nach dem enormen Wachstum bis 2010 stehen Baumaßnahmen für Verbesserungen in allen Bereichen im Vordergrund: der Forschung, der Sammlungen und der Ausstellungen. Dazu gehört auch eine räumliche Ausdehnung. In Frankfurt wird Senckenberg nach dem Umzug der Universität auf den Campus Westend das Hauptgebäude der Universität sowie den Bau des Physikalischen Vereins nutzen können. Auch das Museum soll bis 2019 erheblich ausgebaut werden. Das Biodiversität und Klima-Forschungszentrum hat im Juni 2013 ein eigenes Gebäude bezogen.